"Ein Jahr im Hamsterrad"

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Pressemitteilung vom 18. Dezember 2015

Ein Jahr im Hamsterrad

Stuttgarter Zentrum für selbstbestimmtes Leben blickt auf das Jahr 2015 zurück

Stuttgart
Auch wenn die Planungen für das kommende Jahr im Stuttgarter Zentrum selbstbestimmt Leben (ZsL) längst laufen, blicken die haupt- und ehrenamtlichen Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter auf ein Jahr zurück, dass sich für den ersten Vorsitzenden Friedrich Müller wie „ein Jahr im Hamsterrad“ anfühlt. Politisch habe sich in diesem Jahr laut Müller vieles bewegt, aber viele Chancen wurden wiedereinmal verpasst.

Als erstes nennt er den Wegfall der Sonderschulpflicht für Kinder mit einer Lernbehinderung. Diese Entscheidung begrüße er zwar, forderte aber gleichzeitig, dass man in den Regelschulen nun auch die Voraussetzung schaffen müsse, dass die Eltern der betroffenen Kinder ein wirkliches Wahlrecht haben und nicht abwägen müssen, welche Schulform das geringere Übel darstellt. „Inklusion zum Nulltarif“, betont Müller, „gibt es nicht“. Positiv findet Müller außerdem das neue Landesbehindertengleichstellungsgesetz (LBGG), bei dem das ZsL durch die Mitgliedschaft in der Landesarbeitsgemeinschaft Behindert in BaWü viele Anregungen einbringen konnte. Auch Kollegin Stephanie Aeffner, Sozialarbeiterin des ZsL, sieht darin wichtige Aspekte. Beispielsweise ist nun geregelt, dass es ab sofort landesweit in jedem Stadt- und Landkreis eigene Behindertenbeauftragte geben soll. Das LBGG stellt den Kommunen aber frei, diese haupt- oder ehrenamtlich anzustellen, was Stephanie Aeffner kritisiert. „Die Aufgaben der kommunalen Behindertenbeauftragten sind zu umfangreich, als dass man die Stellen ehrenamtlich besetzen könnte“, sagt sie und schlägt damit den Bogen zur Stadt Stuttgart.

Seit dem Spätsommer ist Walter Tattermusch neuer Behindertenbeauftragter der Stadt – ehrenamtlich. Die Ernennung Tattermuschs ist von den Betroffenenverbänden heftig kritisiert worden, auch vom ZsL selbst. Dass die Entscheidung hinter geschlossenen Türen und ohne öffentliche Ausschreibung erfolgte, ärgert Stephanie Aeffner besonders. „Es wurde von vornherein ausgeschlossen, dass sich ein Mensch mit Behinderung und entsprechender Qualifikation für die Stelle bewerben kann. So hat man wieder einen Beauftragten gewählt, der nicht aus dem Kreis der Betroffenen kommt.“ Dabei habe man in den vergangenen Jahren immer wieder verbandsübergreifend darauf hingewiesen, diese Stelle unbedingt mit einem Mensch mit Behinderung zu besetzen. Leider ohne Erfolg.

Dabei werde laut Aeffner in der täglichen Beratungsarbeit immer wieder deutlich, dass mehr Menschen mit Behinderungen bei Entscheidungsprozessen auf kommunaler Ebene einbezogen werden sollten. Viele Betroffene berichten dem ZsL von Diskriminierungserfahrungen, beispielsweise bei der Bewilligung von Leistungen oder mangelnder Barrierefreiheit. „Ein Beauftragter, der selbst eine Behinderung hat, kann hier wesentlich besser ansetzen und seiner Ombudsfunktion glaubwürdiger nachkommen“, sagt Stephanie Aeffner.

In eigenen Projekten hat man daher auch in diesem Jahr angesetzt, die Selbstvertretung der Menschen mit Behinderung im Land zu stärken. Gefördert von der Baden-Württemberg Stiftung hat das ZsL insgesamt 16 Betroffene aus ganz Baden-Württemberg zu sogenannten „Lots*innen“ weitergebildet. „Ziel ist es ein Netzwerk von Betroffenen zu etablieren das sich gegenseitig unterstützt und andere Menschen mit Behinderung in der jeweiligen Region ehrenamtlich berät und begleitet“, so die Projektleiterin Britta Schade. Außerdem werde man in Kooperation mit anderen freien Beratungsstellen das Projekt „BuntesMenschenLeben“ weiter fortführen. Hier geht es um Präventions- und Unterstützungsmöglichkeiten für von Gewalt Betroffene Menschen mit Behinderung. Gemeinsam mit ProFamilia und dem Schwerhörigenbund werden z.Zt. Schulungsangeboten sowohl für Mitarbeiter*innen der Behindertenhilfe als auch für Menschen mit Behinderung entwickelt. Zudem wird es am 17. März einen Fachtag unter dem Titel „Was ist schon normal“ geben.

Diese Projekte und die täglichen Beratungsanfragen der Betroffenen werden auch im kommenden Jahr die Hauptaufgaben bleiben. Es zeige sich aber auch, dass kommunal- und landespolitische Entscheidungen die Arbeit in der Beratung beeinflussen. „Wir bleiben dran“, versichert Friedrich Müller lächelnd.

Das ZsL Stuttgart ist eine unabhängige Beratungsstelle von Menschen mit Behinderung für Menschen mit Behinderung und deren Angehörige.

Ansprechpartner für Rückfragen:
Fabian Kübler
ABS – ZsL e.V.
Reinsburgstr. 56, 70178 Stuttgart
Tel.: 0711 / 780 18 58
Fax: 0711 / 220 41 33
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